Mobbing gegenüber Lehrern/-innen

Wenn von Mobbing in der Schule die Rede ist, denken viele an Formen des Schikanierens, Anpöbelns, Angreifens und Bedrängens von Schülern/-innen untereinander. Doch auch Lehrer/-innen werden von Schülern/-innen, Eltern, Kollegen/-innen oder Vorgesetzten gemobbt. Bisher gab es kaum aussagekräftige Zahlen über das Ausmaß dieser Form von Mobbing. Aussagen über die Betroffenheit der Lehrkräfte, deren Handlungsmöglichkeiten und deren Hoffnungen auf Hilfe wurden wenig bis gar nicht evaluiert.

Das Zentrum für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) hat deshalb von Juni bis August 2012 eine systematische Online-Befragung von Lehrkräften im gesamten deutschsprachigen Raum durchgeführt, um mehr Klarheit über das Phänomen zu gewinnen. Nun wurden erste Ergebnisse veröffentlicht. Aus diesem Anlass beschäftigt sich dieser Magazinbeitrag mit den Ergebnissen der Studie und stellt wichtige Ansprechpartner und ausgewählte Links zu diesem Thema zur Verfügung.

Ergebnisse der Online-Befragung „Mobbing und Cybermobbing von Lehrkräften durch Schüler, Eltern oder Kollegen“ (zepf)

Die Fragen des Zentrums für Empirische Pädagogische Forschung (zepf) waren u.a.: Wie viele Lehrkräfte sind von Mobbing betroffen? Ist das Phänomen mit der Lehrtätigkeit an einer bestimmten Schulart verbunden? Um welche Art von Mobbing handelt es sich? Werden Lehrkräfte eher von Schülern/-innen gemobbt als von Eltern? Welche Möglichkeiten besitzen Lehrkräfte, sich zu wehren? Welche Unterstützung haben sie? Laut der zepf-Pressemitteilung zu Beginn der Befragung ging Prof. Dr. Reinhold S. Jäger, welcher die Studie leitete, davon aus, dass es einen großen Nachholbedarf in der Ausbildung der Lehrkräfte, aber auch in der Weiterbildung gibt: „Wenn wir gezieltere Erkenntnisse besitzen, dann können wir künftige Lehrkräfte auch bezüglich des Umgangs mit Mobbing, das sich gegen sie richtet, besser aus- und fortbilden. Schließlich ist der Lehrerberuf einer der wichtigsten. Nur gesunde und gut ausgebildete Lehrkräfte werden ihren Schülerinnen und Schüler das vermitteln können, was fachlich, sozial, methodisch und für die Persönlichkeitsentwicklung bedeutsam ist!“

Lehrer-Online fasst die durch eine Pressemitteilung gemeldeten Ergebnisse der Studie kurz und prägnant so zusammen: „Im Empfinden der Lehrkräfte sind die direkten Mobbingattacken aus der Sicht der Betroffenen am stärksten seitens der Schulleiterinnen und Schulleiter, gefolgt von den Kolleginnen und Kollegen, den Eltern und den Schülerinnen und Schüler der eigenen Klasse. Das direkte Mobbing – beispielsweise Beleidigungen, körperliche Aggression, verbale Attacken, Ausschließen einer Lehrkraft aus der Gruppe – tritt, so die Angaben der Lehrkräfte, bei etwa 17 Prozent der Fälle auf, Cybermobbing – das Mobben unter Verwendung von Internet, Social Media oder Handy – dagegen nur in 1,6 Prozent der Fälle. Dabei wurden nur die Lehrkräfte berücksichtigt, die innerhalb von zwei Monaten nach eigenen Angaben von vier oder mehr Mobbingattacken betroffen waren.“

Jäger äußert sich in dieser Pressmitteilung auch zu den Konsequenzen aus den Befragungsergebnissen zur Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften: „Hier greifen die Ausbildungsinhalte derzeit noch zu kurz. Aber es gehört auch in die Verantwortung der Schulen selbst, das Thema aktiv anzugehen. Dazu müssen allerdings auch Schulleiterinnen und -leiter entsprechend qualifiziert werden. Es ist an der Zeit, die Voraussetzungen für eine qualifizierte Personal- und Organisationsentwicklung an den Schulen zu leisten. Denn letztendlich gilt: Das Schulklima wird entscheidend durch das Klima im Kollegium und zwischen Leitung und Kollegium bestimmt, und dort, wo das Schulklima stimmt, sind beste Voraussetzungen dafür geschaffen, ein für die Schülerinnen und Schüler förderliches Klima zum Lernen und Erzielen von guten Leistungen bereit zu stellen.“

Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing besteht als Verein seit 1996, hat sich in langjährigen Auseinandersetzungen behaupten können und kann mittlerweile durch ihre Erfahrungen Betroffene in aktuellen Problemsituationen professionell beraten und sie auf ihrem Weg der Verteidigung begleiten. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing versteht sich als Vermittler zwischen den Beteiligten eines Mobbingprozesses sein. Auf der Website des Vereins finden sich neben ersten Anmerkungen zum Thema Mobbing gegen Lehrer/-innen wertvolle Hinweise zu Fortbildungen, Links und Medien und natürlich wichtige Ansprechpartner.

Ratgeber und Materialien zu Lehrermobbing

Die Schulabteilung der Bezirksregierung Münster hat den Ratgeber „Gewalt gegen Lehrkräfte. Wie reagieren? Wie vermeiden?“ herausgegeben. Durch ausgewählte Fallbeispiele sollen Lehrer/-innen Anregungen bekommen, welche Reaktionen in bestimmten kritischen Situationen hilfreich sein könnten. Dabei wird nicht der Anspruch erhoben, Musterlösungen zu bieten. Vielmehr sollen die Beispiele Gelegenheit geben, zu überlegen oder mit Kollegen/-innen zu diskutieren, welches Verhalten sinnvoll und angemessen erscheint. Den Abschluss der Handreichung bildet ein Beitrag zu wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Aggression gegen Lehrerinnen und Lehrer.

Barbara Kleist, die erste Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing, setzt sich in einer kurzen Handreichung mit der Problematik „Mobbing gegen Schulleitungen“ auseinander.

Die Handreichung „Handlungsmöglichkeiten bei Mobbing zum Nachteil von Lehrkräften im Internet“ des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg informiert über Möglichkeiten der Prävention im schulischen Bereich sowie über die rechtlichen Rahmenbedingungen von Cyber-Mobbing und zeigt Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Mobbing von Lehrkräften im Internet auf.

Paul Tresselt (ehem. Schulleiter, Personalrat und Internetberater für den Lehreralltag) hat ebenfalls eine wirklich ausführliche Darstellung des Phänomens Mobbing gegen Lehrer mit weiterführenden Links und Ansprechpartnern ins Netz gestellt.

Einen interessanten Artikel zum Thema Mobbing unter Lehrerkollegen aus arbeitspsychologischer Sicht hat Martina Peters auf Forum Schule verfasst.

4 Kommentare zu „Mobbing gegenüber Lehrern/-innen“

    • Lisa:

      Vielen Dank ! Das ist ein Thema die sehr interessant ist. Ich war und bin noch betroffen aber meine Situation ist nicht einfach . Ich unterrichte meine Muttersprache in eine Deutsche Schule und ich arbeite noch dort….Ich werde mehr lesen über diese Thema und Hilfe suchen…

  • Susi:

    Ich möchte mich an dieser Stelle als eine von Mobbing durch meine Schulleitung betroffene Lehrerin an einem Berufskolleg zu einigen Punkten äussern:

    1. Noch immer herrscht an vielen Schulen eine seltsame Mischung aus Duckmäusertum -trotz Verbeamtung! bei den meisten Kolleginnen und Kollegen – und mangelnder Zivilcourage im Umgang mit Kollegen und Kolleginnen.

    2. Sachliche Auseinandersetzungen, wie ich sie in der freien Wirtschaft häufig erlebt habe, konnte ich in der Schule bisher nicht verfolgen. Stattdessen ballen viele Kolleginnen und Kollegen die Faust in der Tasche und sitzen die Situation aus.

    3. Tatsächliche Probleme werden kaum gemeinschaftlich diskutiert – stattdessen versuchen die meisten Lehrerinnen und Lehrer sich einzurichten und die vielen zusätzlichen Belastungen auch noch mit abzuarbeiten.
    4. Viele Kolleginnen und Kollegen in Leitungspositionen oder mit Bereichsleitungen sind entweder ausgebrannt oder nicht für administrative Tätigkeiten ausgebildet.

    5. Das System der Abhängigkeiten zeigt auch, wie sich viele Menschen im Schulbereich verändern müssen, um in diesem System auch weiterhin zurecht zu kommen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen wagen sich nicht mehr, in einer Gruppe sachliche Kritik zu üben und in Gesprächen mit der Schulleitung wie ein/er Erwachsener Mensch aufzutreten.
    Vielmehr werden vor einem Gespräch im Kollegenkreis markige Sprüche in der Art „mit mir nicht“ geäussert, die jedoch mit dem Gesprächsbeginn hinfällig werden. Als kleines Beispiel aus meiner Schule schildere ich eine von mir tatsächlich durchlebte Situation:
    ich sollte einmal mehr – wie immer ohne Vorankündigung – Rechenschaft zu einer mittlerweile drei Monate alten Situation ablegen. Zu diesem Gespräch sollten mich spontan die Beauftrage für Schwerbehinderte sowie die Frauenbeauftrage begleiten.
    Als wir kurz vor Betreten des Raumes standen, äusserten sich beide Damen, dass sie nicht mit der Schulleitung sprechen wollten, weil sie sich vor dieser Person ängstigen und verließen den Raum.
    Ich hatte nun also die Wahl, mich einer dienstlichen Anordnung zu widersetzen oder diese zu befolgen und entschied mich dafür, dem Gespräch beizuwohnen.
    Protokolle solcher Sitzung werden und wurden bislang nicht angefertigt bzw. sollten sie angefertigt werden, so stehen sie den jeweiligen Kollegen nicht zur Verfügung, denn viele ängstigen sich an dieser Schule vor Auseinandersetzungen mit der Schulleiterin.

    Meine persönliche Ansicht hierzu:
    es scheint an vielen Schulen nur denjenigen „Zuneigung“ der Schulleitung zuteil zu werden, die sich die Gunst der Fachbereichs- und Schulleiterinnen erarbeiten. Kollegen, die viel arbeiten, gute Ideen haben und auch noch mit den Schülerinnen und Schülern gut auskommen werden hingegen häufig immer wieder kurzfristig in neue Bildungsgänge versetzt und müssen zudem viele Vertretungsstunden halten.

    • Liebe Leserin,
      wir bedanken uns für Ihren überaus offenen, ehrlichen und aufwühlenden Kommentar. Für uns sind Rückmeldungen wie diese, direkt aus dem schulischen Alltag, sehr wertvoll. Gleichzeitig wirft Ihr Kommentar natürlich einige recht fundamentale Fragen auf: Wie Sie sagen, ist das „sich Einrichten im Job“ und fast schon institutionalisierte „den Mund halten, um Ärger zu vermeiden“ kein Einzelfall, sondern ein durchaus weiter verbreitetes Phänomen. Doch warum scheuen sich gerade verbeamtete – und damit sicher im Job sitzende – Lehrkräfte so sehr vor möglichen Konfrontationen? Zeugt ein kollektives „den Mund halten“ möglicherweise von einer Führungsschwäche der Schulleitung? Kann und darf man mangelnde Zivilcourage mit Überlastung seitens der Lehrkräfte entschuldigen? Und welche Instanzen wären wichtig, um Lehrkräfte in Situationen wie der Ihren sinnvoll unterstützen zu können? Nicht zuletzt auch: Wie ist die Situation an Schulen in Freier Trägerschaft und mit ausschließlich Lehrkräften im Angestelltenverhältnis?
      Wir werden Ihren Kommentar zum Anlass nehmen, uns erneut mit dem Thema „Mobbing unter Lehrkräften“ auseinanderzusetzen und weiterführende Informationen zu liefern. Danke für Ihre Offenheit und beste Grüße

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