Archiv für Februar 2014

Ganztagsschulen: Zwischenbilanz eines Erfolgsmodells

Ganztagsschulplätze sind begehrt – und knapp. Denn die Nachfrage übersteigt das Angebot derzeit noch deutlich. Wie die 2. JAKO-O-Bildungsstudie belegt, wünschen sich rund 70 % aller befragten Eltern für ihr Kind ein ganztägiges Schulangebot. In den östlichen Bundesländern sind es gar 89 %. Doch die Realität zeigt: Nur 26 % der befragten Eltern bzw. Kinder besuchen aktuell eine Ganztagsschule. Ist das Erfolgsmodell ins Stocken gekommen? Oder ist es an der Zeit für einige Neujustierungen?

 

Rasanter Anstieg der Ganztagsquote

Ein Blick zurück zeigt: Die Verbreitung von Ganztagsschulen hat in den letzten Jahrzehnten enorm an Fahrt aufgenommen. Während in den 1970er-Jahren nur 0,4 % aller Schülerinnen und Schüler in der alten Bundesrepublik ganztägig beschult wurden, waren es im Jahr 2002/2003 bereits 10 % in der Primarstufe und Sekundarstufe I. Zurückzuführen ist diese Entwicklung unter anderem auf das „Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB), mit dem der Bund von 2003 bis 2007 den Ganztags-Ausbau aktiv förderte. Seither hat sich diese Zahl mehr als verdreifacht: 2011/2012 nahmen bereits rund 31 % der bundesdeutschen Schülerinnen und Schüler am Ganztagsbetrieb teil. Eine Aufgliederung dieser Quote nach Schularten zeigt: Am weitesten verbreitet ist das Ganztagsmodell in Gesamtschulen. Hier betrug die Ganztagsquote im genannten Zeitraum 74 %, gefolgt von Förderschulen (46 %), Hauptschulen (37 %) und Orientierungsstufen (36 %). Deutlich weniger Kinder (27 %) besuchen ganztägige Grundschulen, Ganztagsgymnasien (25 %), freie Waldorfschulen (22 %) oder Realschulen (16 %).

 

Und wie bewährt sich das Modell?

Doch Quantität sollte in punkto Ganztagsschule keinesfalls über Qualität gestellt werden. So beschäftigt Bildungsforscher vor allem auch die Frage, wie sich der Ganztagsbetrieb in der Praxis bewährt und wie die Schülerinnen und Schüler mit diesem Modell zurechtkommen. Hierfür entscheidend ist die Unterteilung in die zwei Motoren für den Ausbau von Ganztagsschulen: Zum einen soll das Ganztagsmodell Erziehungsberechtigten das Vereinbaren von Erziehung und Erwerbstätigkeit erleichtern, zum anderen hat der Ganztagsbetrieb das Ziel, Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Schichten eine bessere Teilhabe am Bildungsbetrieb zu ermöglichen. Wie insbesondere die „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) zeigt, stellen Ganztagsschulen eine entscheidende Erleichterung für die Vereinbarung von Familie und Erwerbstätigkeit dar. Dies gilt insbesondere für Familien mit Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren.

Die Frage nach der besseren Förderung bildungsferner Schichten durch den Ganztagsbetrieb ist hingegen weitaus schwieriger zu beantworten. So konnte bislang nicht eindeutig belegt werden, dass Ganztagsbeschulung die Chancenungleichheit in punkto Bildung reduziert. Wenn überhaupt, lässt sich, so ein weiteres Fazit der JAKO-O-Bildungsstudie, durch den Ganztagsbetrieb ein Zugewinn an kognitiver Förderung bildungsbenachteiligter Schülerinnen und Schüler feststellen. Eine signifikante Verbesserung schulischer Leistungen wurde indes nicht belegt.

 

Wohin soll die weitere Entwicklung führen?

Trotz ambivalenter Resultate zur Effektivität der ganztägigen Beschulung wird das Modell Ganztag jedoch weithin akzeptiert und für ausbaufähig empfunden. Ein wesentliches Argument hierfür ist die Tatsache, dass der Ganztagsbetrieb es Lehrkräften ermöglicht, einzelne Schülerinnen oder Schüler von anderen Seiten kennenzulernen, nämlich beispielsweise hinsichtlich ihres Sozial- und Freizeitverhaltens oder ihres Engagements. Der Einblick in derlei Kompetenzen eröffnet sich Lehrkräften im Unterricht nur eingeschränkt. Auch im Hinblick auf die wachsende Bedeutung der Inklusion im Schulbetrieb erscheint der weitere Ausbau von Ganztagsangeboten sinnvoll. Denn insbesondere Sozialpädagogen sind sich darin einig, dass Inklusion im Ganztagsbetrieb am besten funktioniert.

Nicht zuletzt sollen vor allem auch die Schülerinnen und Schüler von einer sich verändernden Schulkultur profitieren – nämlich indem sich Schule langsam aber stetig von dem Bild des „Lernkerkers“ loslöst und zu einem positiv besetzten Ort wird, der mehr ist als nur Schule. Nach derzeitiger Einschätzung zahlreicher Schul- und Bildungsforscher ist am ehesten die gebundene Form der Ganztagsschule, also die obligatorische Teilnahme aller Schülerinnen und Schüler am Ganztagsangebot, dazu geeignet, die angepeilten Ziele zu ermöglichen.

Sicherheit im Internet: Kompetenzen fördern, statt Kontrollen fordern

Bereits zum zehnten Mal fand am 11. Februar 2014 der internationale „Safer Internet Day“ statt. Ziel des Aktionstages ist es, über die verantwortungsvolle Nutzung des World Wide Web zu informieren. Ein Großteil der zu diesem Anlass stattfindenden Aktionen wendet sich vor allem an Kinder und Jugendliche. Veranstalter des Safer Internet Day ist wie jedes Jahr die der EU angegliederte Initiative klicksafe.de. Das diesjährige Schwerpunktthema des Internet-Aktionstages beschäftigt sich mit den Herausforderungen und Gefahren der mobilen Internet-Nutzung.

 

Wie verändert das mobile Internet unser Leben?

Ob im familiären Umfeld, im Freundeskreis oder in der Schule: Die Nutzung von Smartphones, Tablets und anderen mobilen Endgeräten ist für die meisten Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Folge: Noch viel mehr als beim stationären Rechner zu Hause können sich die Jugendlichen mithilfe von mobilen Geräten einer „Kontrolle“ durch Erziehungsberechtigte entziehen. So sind laut der Studie „Jugend, Information, (Multi-) Media“, genannt JIM-Studie, 12- bis 19-Jährige heute im Schnitt fast drei Stunden täglich online. Dies entspricht einem Anstieg von nahezu 37 % im Vergleich zum Vorjahreswert. Doch so wuchtig diese Zahlen auch daherkommen: Sie sollten, so die Haltung von klicksafe.de, Erziehungsberechtigte und Pädagogen nicht zum mahnenden Zeigefinger, sondern zu Aufklärung, Schulung und kritischem Umgang anhalten. Denn ob Eltern oder Schule dies gutheißen oder nicht: Das Internet hat das kommunikative Verhalten Jugendlicher von Grund auf verändert. Statt es zu verdammen, zu limitieren oder den Zugang zu einzelnen Seiten stark einzuschränken ist es sinnvoller, die Kompetenzen von Jugendlichen für einen verantwortungsvollen Umgang zu stärken. Denn nur auf diese Weise bleiben bzw. werden diese auch fit für noch ausstehende – und bisher noch nicht absehbare – Entwicklungen in Sachen Online-Medien. Zum Einstieg in das Thema mobile Internet-Nutzung empfiehlt sich beispielsweise die Broschüre „Smart mobil?!“, herausgegeben von klicksafe.de.

 

Stichwort Medienkompetenzerziehung

Doch gerade in Zeiten von Überwachung und Spähaffären ist es für viele Eltern und Lehrkräfte schwierig, einen adäquaten Umgang mit der freien Online-Aktivität ihrer Sprösslinge zu finden. Aus diesem Grund hält die Initiative klicksafe.de ein ganzes Paket an Informationsmaterialien zum Thema mobile Internet-Nutzung bereit. Und mehr noch: Sie ermutigt gerade auch Pädagogen dazu, Online-Medien verstärkt in den Unterricht einzubinden.

Als eine der wichtigsten Verhaltensmaximen sehen die Experten von klicksafe.de hierbei allein schon das Thematisieren der Smartphone-Nutzung im Unterricht. Auf diese Weise signalisieren Lehrkräfte ihr Interesse an der Lebenswelt der Jugendlichen und haben die Möglichkeit, in diese hineinzuhorchen. Ist eine Lehrkraft in Sachen mobiles Internet nicht ganz auf dem Laufenden, kann sie sich hier zudem über den Stand der Dinge informieren und herausfinden, an welchen Stellen noch persönlicher Informationsbedarf besteht.

Doch auch die aktive Nutzung im Unterricht ist denkbar. Je nach Altersklasse und Schulform sind Lerneinheiten möglich, in denen die Schülerinnen und Schüler beispielsweise unterrichtsbezogene Recherchen mit dem Smartphone durchführen, fotografische oder filmische Dokumentationen erstellen oder sich mit der Sicherheit ihres Online-Verhaltens auseinandersetzen. Anhand derlei Unterrichtseinheiten können Lehrkräfte dann unmittelbar und sehr praxisorientiert elementare Regeln im Umgang mit Online-Medien veranschaulichen.

Unterrichtsstörungen: Was tun, mit den „Störenfrieden“?

„Schwierige“ Schüler sind unaufmerksam, stören den Unterricht, lenken andere ab und arbeiten erst recht nicht mit. Dadurch blockieren sie nicht nur sich und ihre Mitschüler, sondern werfen jedes Unterrichtskonzept über den Haufen. Doch wie sollten Lehrkräfte chronischen Störenfrieden begegnen? Mit Strenge? Verständnis? Strafe? Oder doch einfach mit Geduld? Die jeweils „richtige“ Maßnahme ist ebenso schwierig zu finden wie die Gründe für die Störungen, denn diese können sowohl Über- als auch Unterforderung sein, können auf private Probleme hinweisen oder aber gesundheitlichen Ursprungs sein. Doch so sehr eine detaillierte Spurensuche nach den Beweggründen für die Unterrichtsstörungen auch angebracht sein mag: Hat sich eine Schülerin oder ein Schüler erst einmal als „Störer“ gezeigt, bleibt dafür meist weder Zeit noch Energie. Gefragt ist souveränes und konsequentes Handeln seitens des Lehrers.

 

Nicht vorschnell abstempeln

Doch was in der Theorie einfach klingt, gestaltet sich – wie so oft – in der Praxis als komplex. Denn Strenge und Strafe allein sorgen zwar vorübergehend für Ruhe im Klassenraum, packen das Problem jedoch nicht an der Wurzel. Stattdessen fördern sie Wut, Ablehnung und damit störendes Verhalten nur noch mehr. Gleichzeitig rauben sie Kraft und schaffen ein Klima der Destruktivität und Aggression.

Bis zu einem gewissen Maß lässt sich störendes Verhalten dadurch eindämmen, dass die Lehrkraft bestimmt und selbstbewusst auftritt. Dazu gehört eine entsprechende Körpersprache ebenso wie konsequentes Handeln, Schlagfertigkeit, fachliche Kompetenz und Konfliktlösungsfähigkeiten. Dies wirkt nicht nur auf die Schülerinnen und Schüler, sondern ist auch wichtig für den Aufbau bzw. Erhalt des Selbstbildes. Denn klar ist: Wer Schwäche zeigt, macht sich angreifbar.

Nach Ansicht des Gymnasiallehrers, Publizisten und ZEIT-Autors Michael Felten ist jedoch die Grundvoraussetzung für das „Knacken“ schwieriger Schüler der Glaube an ihre Fähigkeiten. Denn nur wer Störenfriede als prinzipiell lernwillige Wesen sieht – und sie nicht ausschließlich als Plagegeister verbucht – wird sie, so Feltens Überzeugung, auf Dauer auch erreichen können. Die Lehrkraft sollte sich folgende Fragen stellen: Welche Art von Störverhalten legt er oder sie an den Tag? Welche Resultate scheinen ihn/sie zu befriedigen? Geht es ihm/ihr hauptsächlich darum, ein Maximum an Aufmerksamkeit zu bekommen? Zeigt er/sie mitunter besondere Interessen und Neigungen? Kurz: Wie sieht seine/ihre „innere Zielsetzung“ aus?

Um ein möglichst stimmiges Bild zu bekommen, ist in einem weiteren Schritt auch die Zuhilfenahme ergänzender Informationen rund um den „Störenfried“ wichtig. Dies können Angaben über seine bzw. ihre Familienverhältnisse ebenso sein wie Beobachtungen von Kolleginnen und Kollegen oder Mitschülern.

 

Stören als Symptom

Michael Felten rät Lehrerinnen und Lehrern generell dazu, Stören durch eine besondere, dem jeweiligen Schüler/der Schülerin angepassten „Brille“ zu sehen und sich hierfür auch einmal in seine/ihre Lage zu versetzen. Gelingt es, auf diese Weise das Stören an sich als Symptom zu durchschauen, das stellvertretend für ein anderweitig existierendes Problem steht, ist der erste Schritt für das Auffinden der „Brille“ getan. Anschließend ist konstruktives Intervenieren angesagt. Dies kann verstärktes Aufrufen und Fordern im Unterricht ebenso sein wie das Nahebringen neuer Herausforderungen, das Eingehen auf Interessen oder Ähnliches. Denn indem eine Lehrkraft an den Stärken – und nicht an den Schwächen des störenden Schülers/der Schülerin ansetzt, entkommt sie nicht nur der Störungs-Spirale, sondern initiiert möglicherweise auch einen neuen, eher konstruktiv angelegten Umgang miteinander. Michael Felten fasst in einem Interview zusammen: „Es geht darum, die Schüler kognitiv zu aktivieren, denn nur das bewirkt aus Sicht der Lernforschung Lernen und Lernfortschritt.“

Zum Weiterlesen: Auf seiner Homepage informiert Michael Felten über aktuelle Beiträge zu Lernforschung, Unterrichtsgestaltung und Erziehung sowie über zahlreiche weitere pädagogische Themen.

Lehrergesundheit: Den Blick auf die Gesunderhaltung richten!

Mit PISA-Schock, G 8, Ganztagsdebatte und Inklusion sind nur einige der gesamtgesellschaftlich bekannten Faktoren genannt, die den Lehrerberuf derzeit vor immense neue Herausforderungen stellen. Gleichzeitig ist die Zahl der Frühpensionierungen sowie der Burnout-Fälle unter Lehrkräften in den letzten Jahren in ungeahnte Höhen geklettert. Doch es liegt auf der Hand, dass gerade jetzt leistungsfähige und nicht etwa überforderte Lehrer nötig sind, um die Umwälzungen in Sachen Schule mitzutragen. Bildungsforscher treibt daher immer mehr die Frage um, inwiefern diese beiden Entwicklungen zusammenhängen. Abzulesen ist dies auch an der steigenden Zahl der Studien, die sich mit Wohl und Wehe des Lehrerberufs auseinandersetzen. Sie alle ranken sich um die zentrale Frage: „Welche Faktoren sind es, die Lehrer besonders belasten?“

 

Eine Studie erweitert den Blickwinkel

Ob ihrer Vielschichtigkeit von herausragender Bedeutung ist insbesondere die Studie „Was hält Lehrer und Lehrerinnen gesund – die Bedeutung von Ressourcen, subjektiver Bewertung und Verarbeitung von Belastung für die Gesundheit von Lehrern und Lehrerinnen“ (Elke Döring-Seipel / Heinrich Dauber, 2010). Denn als eine der ersten wissenschaftlichen Analysen überhaupt nähert sie sich dem Thema Lehrerbelastung auf drei Ebenen und fragt:

  1. Welche Faktoren tragen am meisten zur Belastung von Lehrern bei?
  2. Gibt es subjektive Unterschiede beim Empfinden von Belastungen und welche sind die hierfür verantwortlichen Parameter?
  3. Welche Faktoren tragen zur Gesunderhaltung bei?

Für neue Erkenntnisse und Aufsehen in der Fachwelt sorgte die Analyse besonders aufgrund der dritten Betrachtungsebene. Denn anders als viele der vorhergegangenen Studien fokussiert sie nicht auf die defizitorientierte Frage „Was macht krank?“, sondern richtet den Blick auf die Erforschung derjenigen Faktoren, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit erhalten – und zwar auch unter schwierigen Arbeitsbedingungen.

Als wissenschaftlicher Unterbau diente den Autoren hierfür der salutogenetische Ansatz nach Aaron Antonovsky. Im Gegensatz zur Pathogenese, der Entstehung von Krankheiten, erforscht die Salutogenese die Entstehung bzw. Erhaltung von Gesundheit. Unabdingbar für Gesundheit ist nach Antonovsky dabei das sogenannte Kohärenzgefühl, das eine „stimmige Verbundenheit“ sowohl im Inneren, als auch im sozialen Gefüge beinhaltet. Übertragen auf den Lehrerberuf bedeutet dies, dass eine Lehrkraft in ihrem Wirken nur dann auf Dauer gesund und leistungsfähig bleiben kann, wenn eine Reihe von salutogenen Faktoren erfüllt werden. Hierzu gehört beispielsweise Anerkennung durch Kollegen und Vorgesetzte, ausreichende Kommunikation, das Erkennen von Sinn im täglichen Tun sowie ein Mindestmaß an Entscheidungsfreiheit. Eine im salutogenen Sinne gesunde Person sollte in der Lage sein, eventuelle Defizite zu erkennen – und zu beheben.

 

Was können Lehrkräfte daraus folgern?

Doch wie können Lehrerinnen und Lehrer Defizite selbst beheben? Schließlich lässt sich das Erkennen von Sinn im eigenen Handeln oder das Angenommensein im Kollegenkreis nicht per Knopfdruck herstellen.

Die Studie kommt hier zu einem entscheidenden, wenn auch nicht gänzlich überraschenden Fazit: Unter Berücksichtigung aller vorhandenen belastenden Faktoren attestiert sie dem Lehrerberuf zwar ein „gewisses gesundheitliches Gefährdungspotenzial“, weist jedoch Annahmen zurück, Lehrkräfte seien diesem schutzlos ausgeliefert. Denn die Schädigung durch belastende Faktoren nimmt, so die Studie, in dem Maße ab, in dem eine Lehrkraft über individuelle Ressourcen und Kompetenzen verfügt, mit eben jenen Belastungen umzugehen. Überspitzt ausgedrückt: Nicht jede Person ist tatsächlich für den Lehrerberuf geeignet.

Die Konsequenz hieraus gibt gleichzeitig eine Marschrichtung vor, in die sich künftige Bemühungen entwickeln sollten: Es mangelt vor allem an sachgemäßer Aufklärung und Information. Lehramts-Studierende wissen oft zu wenig über den Beruf, den sie ansteuern. Mitunter haben sie auch eine enorme Menge an Idealen verinnerlicht, die sie in ihrem späteren beruflichen Tun verwirklichen wollen. Der Praxisschock beim ersten „Schuleinsatz“ ist so vorprogrammiert. Daher sollten künftige Bemühungen verstärkt über den schulischen Alltag aufklären und auch nicht ausblenden, dass ein hohes Maß an salutogener Handlungsweisen nötig ist, um langfristig in dem Beruf glücklich zu werden.

 

Tipp zum Weiterlesen: Studie „Auf unsere Lehrerinnen und Lehrer kommt es an“, 2012 herausgegeben vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Essen.

Teufelskreis Mobbing: Prävention muss erste Maßnahme sein

Neben der Arbeitsstelle ist die Schule Hauptschauplatz von Mobbing-Fällen. Eine Studie der Leuphana-Universität Lüneburg spricht gar von über 30 % aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland, die bereits Erfahrungen mit Schikane oder „Fertigmachen“ in der Schule erlebt haben. Jeder Zehnte sei zudem bereits einmal Opfer von Gewalt gewesen. Hierzu zählt die Studie Raufereien oder Schlägereien auf dem oder rund um das Schulgelände.

Insbesondere die schulpsychologischen Beratungsstellen der einzelnen Bundesländer reagieren hierauf und informieren über schulspezifische Programme und Maßnahmen zur Bewältigung von Mobbing. Doch beginnt der Handlungsbedarf schon weitaus früher, nämlich bei der Prävention. Denn das Einschalten von Instrumenten zur Mobbing-Bewältigung erfordert zunächst stets das Eingeständnis: „Ja, an unserer Schule gibt es Mobbing“. Genau dieser Schritt ist es, den Lehrkräfte – und nicht zuletzt auch Schulleiter – oftmals scheuen. Denn viel zu oft wird das Aufkommen von Mobbing noch mit einem Versagen von Lehr- oder Führungskräften in Verbindung gebracht.

 

„Wie konnte es dazu kommen?“

Werden Lehrkräfte mit Mobbing in einer ihrer Klassen konfrontiert, beginnt vor allem das Umfeld oft, Fragen nach der Ursache zu stellen. Doch Mobbing deutet nicht zwangsläufig auf grundlegende Unterrichtsmängel hin. Noch weniger bemerkt eine Lehrkraft automatisch, wenn eine Schülerin oder ein Schüler unter Mobbing leidet. Denn es ist ein Prozess, den eine Gruppe immer wieder von alleine „befeuert“ und der nur in einem System aus Stillschweigen und Mitläufertum funktioniert.

Doch die Auseinandersersetzung mit Mobbing ist kräftezehrend und für Lehrkräfte ohne sozialpädagogische oder psychologische Zusatzausbildung oft nicht zu leisten. Die Folge: Eine Schule mit positivem Klima, gesunden Strukturen und funktionierender Kommunikation sieht weniger Bedarf für Mobbing-Prävention als eine Schule, in der es ohnehin schon „brodelt“. Doch gerade Prävention gilt mittlerweile als der nachhaltigste Weg, Mobbing zu verhindern. Bewährt hat sich hierfür eine Dreiteilung der Maßnahmen in die Schulebene, die Klassenebene und die persönliche Ebene.

 

 

Praxistipps Mobbing-Prävention

Umfangreiche Anti-Mobbing-Kampagnen an Schulen – oftmals durch Einbeziehung externer Fachleute – sind zwar ein guter Weg, Schüler auf Dauer zu einem Umdenken zu bringen. Jedoch sind sie für viele Schulen zu aufwendig bzw. zu zeit- oder kostenintensiv. Doch sind nicht nur professionelle Anti-Mobbing-Maßnahmen wirksam, sondern vor allem grundlegende Einstellungen und kleine Schritte, die jede Schule auch mit eigenen Ressourcen beherzigen und auf die Beine stellen kann:

 

Nichts unter den Teppich kehren: Das Vorkommen von Mobbing darf niemals unter den Teppich gekehrt werden, nur um die Reputation zu schützen. Langfristig hilft gegen Mobbing nur offene Kommunikation.

Auf dem Laufenden bleiben: Wichtig ist, sich selbst über die Gesetzeslage zu informieren: Welche Mobbing-Handlungen gelten bereits als Straftat und müssen dementsprechend geahndet werden?

Offen sein für Weiterbildungen: Es gibt unzählige Fortbildungen in Sachen Konfliktmanagement, Mobbing-Prävention, Mediation etc.

Kontaktstelle einrichten: Möglicherweise ist die Einrichtung einer Mobbing-Anlaufstelle an der Schule sinnvoll. Dies kann eine Person aus dem Kollegium, ein Schüler/Schülerin oder aber eine externe Person sein.

Mediation: Eine Streitschlichter- bzw. Mediations-AG an der Schule ist ein besonders nachhaltiges Mittel, um Mobbing einzudämmen. Denn es ermutigt auch Außenstehende dazu, bei Mobbing zu intervenieren.

Eigene Grenzen kennen und wahren: Lehrkräfte stoßen dann an ihre Grenzen, wenn massive psychische Störungen vorliegen, entweder beim Opfer oder bei einem Haupt-Mobbing-Täter. Dann ist die Konsultation eines Schulpsychologen unbedingt erforderlich.

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